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„Fluctuat nec mergitur“

Hart an Albions Gestade
wiegt sich stolz ein Riesenschiff;
spiegelt sich im Flutenbade
kühnlich trotzend jedem Riff!
Die Weltenmeere zu durchpflügen,
glitt es jüngst vom Stapellauf;
den wilden Wogen zu obsiegen –
Königin den Ozean hinauf!

An der Mole
zu Southampton
schaukelt noch der mächt’ge Kahn!
Am Kai Gewimmel –
Leutgetümmel –
schickt zur Jungfernfahrt sich an!

Und es kommen die Matrosen,
schreiten rasch aufs hohe Deck;
von der Reling prangen Rosen
froh geschmückt von Bug bis Heck.
Und am Ufer jauchzt die Menge,
schreit der Königin „Hurra!“
Jubelnd schallen die Gesänge,
und alles ruft: „Titania!“

Majestätisch
kühn-pathetisch
steht der Riesenkahn im Port!
„Hurray! God bless
our goddess!“
klingt es froh an jedem Ort!

Und es strömet immer dichter
im Hafen dort das Volk herbei;
lachend, weinende Gesichter,
das Herz voll Weh und Abschiedstreu!
Es umarmt mit heißen Tränen
der Vater noch sein Weib und Kind,
und gesellt sich dann zu jenen
die wartend vor dem Schiffe sind!

Laute Pfiffe
auf dem Schiffe
künden mächtig das Signal!
Heiße Küsse,
letzte Grüße
vor dem Ritt ins Wellental!

Nun tritt der Passagiere Haufen
flutend doch zuletzt an Bord.
Weiber schluchzen; Männer laufen
aus ihren lieben Armen fort!
Von der Höhe ruft’s hernieder
noch ein Letztesmal: „Adieu!
Sehen wir uns jemals wieder?“
„Gott schütze euch auf hoher See!“

Lautes Stampfen
wildes Dampfen
die „Titanic“ sticht in See!
Tücherschwenken,
Händewinken,
Blicke voller Abschiedsweh!

Lange blicken noch die Schiffer
nach Southamptons Port zurück.
Der Strand wird klein, die Fluten tiefer
die Küste schwindet ihrem Blick.
Des Atlantiks weiter Bogen
nimmt nun die „Titanic“ auf:
rings umher nur Wind und Wogen
mit dem Himmel obenauf!

Meeresstätte
Wogenglätte
das Schiff, es gleitet flugs dahin!
Der Kurs hält, die
neue Welt, sie
harret schon der Seglerin!

Ohn
Gefahr wird jetzt die Schwelle
des Atlantiks schnell passiert.
Eisberg
triften auf der Stelle
wo des Nordens Reich regiert!
Die Menge auf den Decken droben
ahnt dabei nichts Arges gar:
„Mag rings das Element nur toben!
Dieses Schiff ist unsinkbar!“

Das Meer, es lüget
und betrüget
wiegt den Mensch in holden Schein!
Wer will gewahren
die Gefahren
wer dringt in seine Tiefen ein!

Schreie tönen vom Verdecke,
und die Alarmsirene schrillt;
und in siedenheißem Schrecke
die Furcht den bangen Busen schwillt!
Donnernd kracht es vorn am Schiffe
und der stähl’rne Bug zerbirst! –
an des Eisbergs tück’schem Riffe
bis zur Titanic höchstem First!

„Sieh’, Herr und Gott
auf uns’re Not
und steh’ uns armen Sündern bei!
O mach, daß uns
o hilf, daß uns
die Gottesmutter gnädig sei!“

Der Panik und Verzweiflung Drängen
strömt jetzt durch den lecken Kahn!
Matrosen hasten in den Gängen,
das Schiff vorm Sinken zu bewahr’n!
„Titanic! Königin der Wellen,
du galtest doch als unsinkbar! –
wie konntest du nun doch zerschellen
an des Eisbergs ragender Gefahr!“

„Die Titanic –
ohne Panik –
wird nicht sinken auf den Grund!
Auch bringt zur Not
manch Rettungsboot
zurück ans Ufer uns gesund!“

Doch des Kapitänes Worte
versagen in der schrei’nden Not;
die Flut bricht brausend durch die Pforte,
reißt manchen in den eis’gen Tod!
„Zum Heck! – zum Heck!“ ruft es, „wir sinken!“
Das Grauen faßt die Menschen an! –
im kalten Grabe zu ertrinken,
das ganze Schiff, mit Maus und Mann!

Das mächt’ge Schiff
am Eisbergriff
neigt langsam vor sich in die Flut!
Das Wasser schießet
und ergießet
donnernd sich in wilder Wut!

Es drängt die Masse sich nach hinten
als die „Titanic“ vorn versinkt;
das Rettungsboot fliegt von den Winden
als nirgends sonst mehr Hilfe winkt!
Die Nebel wallen um die Türme,
zum Spielball wird der Riesenkahn!
Es brausen Wogensang und Stürme,
und tobend bricht die Gischt sich Bahn!

Und Sturm und Not
und Leid und Tod
bescheidet wild die Sturmesflut!
Dem Weib, dem Kinde
sei geschwinde
Herr du Retter, Schirm und Hut!

Plötzlich tönt ein lautes Krachen
und brüllend birst das Schiff entzwei! –
und des frost’gen Meeres Rachen
verschlingt sein Opfer ohne Reu
!
Man sieht noch Menschen sich umarmen,
ringend um ihr armes Blut! –
das Herz am Herzen sich erwarmen
bis sie verschlingt die wilde Flut!

Titanenschiff
das sinket tief
wohl in das kalte Meer hinab!
So sei nun du
o süße Ruh! –

den Menschen dort ein ew’ges Grab!


Wärst du gefolget deinen Zielen
nie lebtest du in Ewigkeit!
Ein Schiff nur wärst du unter vielen,
verloren längst in Raum und Zeit!
Unsterblich bist du schöne Sage,
es bleibt kein Auge tränenleer;
und sicher noch am jüngsten Tage,
gedenkt man deines Grabs im Meer!




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